In der kalabrischen Kleinstadt Rosarno ist es seit Donnerstag mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Arbeitsmigranten ohne Papiere gekommen. In der Online-Ausgabe vom 08.01.2010 der Tageszeitung Die Presse berichtet Korrespondentin Kordula Dörfler unter anderem:
Etwa 2000 „Clandestini“, „Heimliche“, wie die Italiener sagen, leben allein in Rosarno, einer Kleinstadt in Kalabrien, 70 Kilometer nördlich von Reggio Calabria. Von den rund 15.000 Bewohnern werden sie allenfalls geduldet, doch man braucht die Senegalesen und Kongolesen, Marokkaner und Ägypter, die jedes Jahr im Herbst kommen. In dem fruchtbaren Schwemmland an der Küste gedeihen Obst und Gemüse, und ohne die billigen Arbeitskräfte aus Afrika würde die Ernte verrotten.
In der Nacht auf Freitag explodierte der Funke, nicht zum ersten Mal. Rund 200 Afrikaner zogen durch Rosarno, zündeten Autos an und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Mindestens 20 Menschen wurden verletzt. Zuvor war wahrscheinlich von einem fahrenden Auto aus auf einige der Wanderarbeiter geschossen worden, die auf dem Weg nach Hause waren. (…)
„Diese Revolte ist das Ergebnis eines unerträglichen Klimas in Rosarno, wo Migranten ausgenutzt und diskriminiert werden“, ist der Präsident der Region Kalabrien, Agazio Loiero, überzeugt. Er gehört zur oppositionellen Demokratischen Partei. Schon einmal, vor gut einem Jahr, war es dort zu Ausschreitungen gekommen, doch an den Lebensbedingungen der Wanderarbeiter hat sich kaum etwas geändert. [weiter lesen]
Bei Zeit Online wird Loiero zudem mit den Worten zitiert:
„Das, was in Rosarno geschieht, ist das Ergebnis eines Klimas fremdenfeindlicher und mafioser Intoleranz“.
Der Westen, das Online-Portal der WAZ Mediengruppe, berichtet zudem:
Als eine Gruppe Migranten ein Wohnhaus erstürmen will, schießt der Besitzer einfach vom Balkon. „Die Lage ist ernst und schwerwiegend“, sagt Präfekt Domenico Bagnato. Er ist kommissarischer Verwalter von Rosarno, dessen Stadtrat wegen Mafia-Einwirkung von Amts wegen aufgelöst worden war. (…) „Raus mit diesen Ausländern“, das fordern Anwohner jetzt. Bagnato versuchte zu schlichten und bat auch die Aufständischen, nicht die gesamte Bevölkerung als Ausbeuter zu sehen. Gestern, gegen Mittag, beruhigte sich die Lage wieder – wer weiß, wie lange.
Was bleibt, ist viel Polemik, ausgelöst durch unterschiedliche politische Reaktionen. Innenminister Roberto Maroni von der ausländerfeindlichen Lega Nord beklagte die Revolte als „Ergebnis einer jahrelangen verfehlten Einwanderungspolitik“ und zu viel Toleranz gegenüber illegalen Zuwanderern. „Wir werden die Lage normalisieren“, kündigte er an und schickte eine Sondereinheit nach Kalabrien. [weiter lesen]
Ein Radiobeitrag von Stefan Troendle vom ARD-Hörfunkstudios Rom steht auf den Seiten des Senders zum Nachhören bereit (MP3).
Weitere Berichte zum Thema:
„Immigranten protestieren gegen Rassismus“, euronews, 08.01.2010 (Videolink)
„Straßenschlachten zwischen Einwanderern und Polizei“, tagesschau.de, 08.01.2010
„Tagelöhner protestieren in Italien“, Focus Online, 08.01.2010
„Verletzte bei Migrantenrevolte in Süditalien“, Neue Züricher Zeitung, 08.01.2010
„Einwanderer liefern sich Straßenschlacht mit Polizei“, Spiegel Online, 08.01.2010