Das Portal German-Foreign-Policy.com hat am 05.01.2010 ein Interview mit Magdalena Marsovszky zur politischen Situation in Ungarn vor den Parlamentswahlen im Frühjahr veröffentlicht. Sie ist Kulturwissenschaftlerin, Mitarbeiterin im Zentrum für Demokratie- und Extremismusforschung im Institut für Politikwissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und im Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e.V. tätig. In dem Interview sagt sie unter anderem:
Der antisemitische Mythos vom „jüdischen Bolschewismus“ ist in Ungarn lebendiger denn je. Völkische Kräfte – und das ist nicht nur Jobbik, dazu gehört auch der Fidesz – heben immer die geschichtliche Kontinuität zwischen den heutigen Sozialisten und den Kommunisten im ehedem real existierenden Sozialismus hervor, deren damalige Herrschaft sie „jüdischen Bolschewismus“ nennen. Daher kommt es, dass in völkischen Kreisen die Sozialisten als Extremisten bezeichnet werden. (…)Der völkischen Auffassung zufolge ist sogar der westliche Liberalismus eine Form “jüdischer Unterwanderung” der “Volksgemeinschaft”; entsprechend sind Sozialliberale eines der Hauptziele antisemitischer Stereotypisierungen. Der frühere Ministerpräsident Gyurcsány, ein Sozialdemokrat, sowie sozialliberale Intellektuelle gelten den Völkischen derzeit als Hauptgegner. Bekannte Schriftsteller wie Imre Kertész, Péter Esterházy oder György Konrád werden immer wieder mit Ratten verglichen, die ausgerottet werden müssten. Fidesz-nahe Medien kritisieren die Sozialisten darüber hinaus mit Mitteln, die ich auch als strukturell antisemitisch bezeichnen würde. [weiter lesen]