Mit dem dritten Band „Krieg“ ist das neue Standardwerk von Richard J. Evans vollständig. „Nach der monumentalen Hitler-Biografie von Ian Kershaw liegt mit dieser Trilogie ein weiteres Opus magnum zur Geschichte des ‚Dritten Reiches‘ aus der Feder eines britischen Historikers vor, das den Rang eines Standardwerkes beanspruchen darf“, schreibt Volker Ullrich in der Ausgabe 51/2009 der Wochenzeitung Die Zeit. Weiter heißt es dort unter anderem:
Evans macht deutlich: Der deutsche Rassen- und Vernichtungskrieg begann nicht erst, wie es die Wehrmachtausstellung des Reemtsma-Instituts nahelegte, mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, sondern bereits mit der Invasion Polens im September 1939. Vom ersten Tage an mordeten Einsatzgruppen der SS, Polizeieinheiten und volksdeutsche Milizen polnische Zivilisten, und sie wurden darin unterstützt von Angehörigen der Wehrmacht. Anders als später beim „Unternehmen Barbarossa“ gab es zwar vereinzelte Proteste der Militärbefehlshaber, doch sie bewirkten nichts. Generaloberst Johannes Blaskowitz, einer der entschiedensten Kritiker, wurde seines Kommandos enthoben. […]
Im Zentrum des Buches steht der millionenfache Mord an den europäischen Juden, der im Schatten des Krieges gegen die Sowjetunion exekutiert wurde. Über die Frage, wann der endgültige Entschluss zur sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ getroffen wurde, ist viel gestritten worden. Evans bezieht hier klar Position. Es gab, so sagt er, nicht die eine wegweisende, genau zu datierende Entscheidung; vielmehr entwickelte sich das Vernichtungsprogramm seit Sommer 1941 in einem sich über mehrere Monate erstreckenden Prozess, wobei Hitler mit seinen sich überschlagenden antisemitischen Hasstiraden die entscheidenden Anstöße gab, die von Himmler und seinen Schergen aufgenommen und in die Tat umgesetzt wurden. Der Autor spricht von einer „umfassend koordinierten Politik unter zentraler Leitung“ und wendet sich damit gegen die These Hans Mommsens, das mörderische Geschehen habe sich gleichsam selbstläufig, in unkoordinierten Schüben vollzogen.
Ebenso deutlich äußert sich Evans zu einer zweiten Schlüsselfrage: Was wussten die Deutschen vom Holocaust? Im Anschluss vor allem an die Forschungen Peter Longerichs und Bernward Dörners weist der Autor darauf hin, dass das Wissen um das Menschheitsverbrechen weiter verbreitet war, als lange angenommen wurde. Spätestens seit Ende 1942, als auch über die deutschsprachigen Sendungen der BBC ausführliche Informationen ausgestrahlt wurden, sei „der Massenmord an den Juden in Deutschland zu einer Art offenem Geheimnis“ geworden. Wissen aber, das unterstreicht Evans, war nicht gleichbedeutend mit Billigung. Das verfügbare Quellenmaterial lasse vielmehr darauf schließen, „daß die einfachen Deutschen im großen und ganzen nicht einverstanden waren“. Da der Autor in der Regel sehr präzis formuliert, ist diese unscharfe Wendung ein Indiz dafür, dass es hier noch Klärungsbedarf gibt. [weiter lesen]









