Am Wochenende ist es in der zentralungarischen Ortschaft Kiskunlacháza zu zwei Aufmärschen der seit Juli verbotenen Ungarischen Garde gekommen. Anlass war ein Übergriff auf eine geistig behinderte Frau, für die ein Roma verantwortlich gemacht wird. Die paramilitärische Gruppe, eine Art uniformierter Miliz der neonazistischen Partei Jobbik, zog daraufhin in der Nacht zum Samstag mit rund 100 Anhängern durch die Wohnstraße der Roma. Vor einem Haus machte der Trupp Halt und forderte von den Bewohnern die Herausgabe des minderjährigen Tatverdächtigen. Zu Ausschreitungen kam es nicht, weil die Polizei schnell zur Stelle war.
Am Sonntag schließlich versammelten sich in dem Ort etwa 300 Gardisten, darunter viele Uniformierte. Neben Bürgermeister József Répás und weiteren Lokalpolitikern nahmen auch mehr als 400 Einwohner von Kiskunlacháza an der Veranstaltung teil. Répás stellte sich hinter den Aufmarsch der Rechtsextremen und forderte in einer Rede, dass „die Polizei sich um die Aufklärung des Falles kümmern muss. Es sieht so aus, als könnten sich Zigeuner hier alles erlauben und in der Region hat man jeden Respekt vor der Polizei verloren“. Außerdem beklagte er, „antiungarische Gefühle“ seien durch die Regierung institutionalisiert worden. „Über Zigeunerkriminalität schweigt man, wenn aber Ungarn Verbrechen an Roma verüben, wird das sofort im Fernsehen gezeigt. Das ist unakzeptabel. Wir leben in einem moralisch verkommenen Land“, so Répás. Die deutschsprachige Zeitung Pester Lloyd sprach daraufhin von einer „üblen Hassrede“ und „Rassismus im Amt“.
Der ebenfalls anwesende Jobbik-Chef und Gründer der Ungarischen Garde, Gábor Vona, verstieg sich in seinem Beitrag zu der Behauptung, dass hinter den Morden an Roma durchaus ein Plan der Geheimdienste stecken könnte, um einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Er kündigte an, dass Jobbik „nach der politischen Wende“ dafür eintreten werde, dass die „Polizei durchleuchtet“ und die Polizeiführung entlassen wird.
Die zahlreich anwesenden Sicherheitskräfte griffen trotz des Verbots der Garde nicht ein. Die Veranstaltung vom Sonntag sei deshalb „ein Wendepunkt für Jobbik, die Garde und auch für die ungarische Demokratie“, urteilte die Tageszeitung Népszabadság.
„Die Redner der Veranstaltung konnten anderthalb Stunden lang gegen die Zigeuner hetzen, sie als ‚grinsende, entartete Tiere‘ bezeichnen. (…) Die Gardisten konnten in der gewohnten Uniform, in militärischer Formation strammstehen und militärische Kommandos hören. Sie führen weiter, was sie 2007 in Tatárszentgyörgy begannen. Ein paar Polizisten standen herum und beobachteten sie aus sicherer Entfernung.“
Außerdem verwies die Zeitung darauf, dass die vorschnell gegenüber den Roma geäußerten Verdächtigungen in vielen Fällen haltlos seien und ein Klima der Verfolgung heraufbeschwören. Zum Vorfall in Kiskunlacháza hieß es etwa:
„Sie marschierten vor einem Haus auf, angeblich weil ein junger Mann, der dort wohnt, eine geistig behinderte Frau geschlagen haben soll, die nicht Roma ist. Laut der Polizei wurde wirklich eine Frau im Dorf geschlagen, aber nicht von den Bewohnern dieses Hauses. […] Laut der ultrarechten Portale wurde die Frau ‚halbtot geschlagen‘; als wir dort waren, erfuhren wir von ihrem Lebensgefährten, dass sie am anderen Tag wieder arbeiten ging, inzwischen geht es ihr wieder gut. Dass die Familie die Tat des Jungen ebenfalls verurteilt, konnte sie doch nicht vor der drohenden Präsenz der Garde retten. Wer es tun konnte, brachte Frau und Kinder fort aus dem Dorf in Sicherheit, in einer wahren Kriegspsychose bereitete man sich auf die Rückkehr der Gardisten vor. […]
Die Garde marschierte dieses Jahr schon einmal in Kiskunlacháza auf, damals wegen dem Mord an einem Mädchen im letzten Jahr. Drei junge Zigeuner galten als Tatverdächtige. Auch der Bürgermeister redete von Roma-Tätern und organisierte deswegen sogar einen Fackelumzug. Später stellte sich dann heraus, dass die jungen Roma mit großer Wahrscheinlichkeit grundlos verdächtigt wurden; die Polizei hat den mutmaßlichen Täter bereits verhaftet. Er ist kein Roma.“
Weitere Hintergründe finden sich beim Blog Pusztaranger.










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