Europa | 19.03.2009 | eurorex

Ungleiche Brüder

[Analyse] In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung ›Jungle World‹ analysiert Volker Weiß die verschiedenen Strömungen der extremen Rechten in Europa. Dabei verweist er zunächst auf die »Bruch­linien zwischen den europäischen Nationalismen«:

»Weil die Differenzen zwischen den nationalistischen Konzepten meist auf deren unterschiedlicher Geschichte beruhen, ist ihre Überwindung zugunsten einer prinzipiell an Traditionen orientierten Strömung schwierig. Die Ein­ladung der NPD zur Teilnahme am europäischen Bündnis ITS führte auch bereits zu Konflikten innerhalb der deutschen Rechten, in deren Rahmen die Junge Freiheit Andreas Mölzer die Zusammenarbeit aufkündigte. In ihrem Milieu ist umstritten, ob die NPD überhaupt satisfaktions­fähig ist.«

Neben unterschiedlichen politisch-ideologischen Konzepten und Traditionslinien, die Weiß sowohl innerhalb der deutschen Rechten als auch im europäischen Kontext ausmacht, erkennt er vor allem eine wirkungsmächtige Geschichte, die tagesaktuelle Gemeinsamkeiten überlagert.

»Die NPD kann einfach nicht vom Gedanken der deutschen Überlegenheit lassen – ihre Vorstellung eines ›Europas der Nationen‹ ähnelt eben mehr einem Europa unter deutscher Besatzung. Daraus ergeben sich in der europäischen Kooperation Probleme, wenn sich etwa der Nationalismus anderer Parteien aus dem Sieg über die Deutschen im Zweiten Weltkrieg speist. So könnte sich Artur Gorski, Abgeordneter der ­klerikalen polnischen PiS, zwar über den neuen US-amerikanischen Präsidenten mit Jürgen Gansel von der NPD schnell einig werden – Gorski sah im Wahlsieg Barack Obamas das »Ende der Zivilisation des weißen Menschen«, und Gansel kommentierte den Wahlausgang mit einem rassistischen Pamphlet: »Afrika erobert das Weiße Haus«. Doch ist es darüber hinaus kaum vorstellbar, dass es zwischen beiden zu einer Kooperation kommt. Die NPD wird kaum von ihren territorialen Forderungen gegenüber Polen lassen, da für sie die Revision der Nachkriegsordnung grundlegend ist. Und letztlich ist die polnische Rechte für eine solche Kooperation traditionell viel zu – horribile dictu – antideutsch.«

Dennoch verweist er mit Umberto Eco auf die Notwendigkeit, trotz unverkennbarer Widersprüche und Differenzen im Sinne einer »Familienähnlichkeit« zu einem für ganz Europa tauglichen und zeitgemäßen Begriff des Faschismus zu kommen.

»Davon ausgehend nimmt Eco zwar die nationalen Besonderheiten des europäischen Faschismus zur Kenntnis und legt sogar Wert auf die inhaltliche Differenzierung, insbesondere hinsichtlich seiner deutschen Erscheinungsform, kommt aber dennoch zu dem Schluss: ›Der Begriff Faschismus konnte deshalb zu einer Sammelbezeichnung werden, weil ein faschistisches Regime auch dann noch als faschistisch erkennbar bleibt, wenn man ein oder mehrere Merkmale abzieht.‹

Diese Sicht auf den historischen Faschismus zu beherzigen, empfiehlt sich auch angesichts zeitgenössischer Phänomene. Anstelle der Klassifizierungen in demokratischen und antidemokratischen Chauvinismus ist es für eine Zustandsanalyse sinnvoller, den inhaltlichen Differenzen und Verwandtschaften aller anti-emanzipatorischen Strömungen nachzugehen. So lässt sich 70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs dem tatsächlichen Potenzial der westlichen Moderne auf die Schliche kommen, sich selbst zu negieren.«

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